Werner Jochum im VN-Interview

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Die Ausbildung zum Psychotherapeuten war Ihr zweiter Bildungsweg.
Werner Jochum: Genau. Während meiner Zeit als Pädagoge sind oft Jugendliche mit Themen auf mich zugekommen, die mich überforderten. Ich habe bemerkt, dass meine Ausbildung an der Universität nicht ausreichte, den Schülern hilfreich zur Seite stehen zu können. Daher entschloss ich mich, eine psychotherapeutische Ausbildung zu machen. Anfangs war ich dann neben meiner Arbeit an der Schule im Bereich Suchtberatung tätig.

Mittlerweile haben Sie den Lehrerberuf aufgegeben.
Werner Jochum: Ja – wobei der Inhalt, nämlich das Begleiten von Menschen, geblieben ist. Nach wie vor ist es für mich eine Bereicherung, Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung ein Stück weit unterstützen zu können.

In Ihrem Berufsalltag treffen Sie auch auf sehr traurige Lebensgeschichten?
Werner Jochum: Im Clean bin ich natürlich mit Suchtproblemen konfrontiert. Das reicht von illegaler Drogenabhängigkeit verschiedenster Ausprägung über Essstörungen bis zur Spielsucht. Meine Aufgabe als Psychotherapeut ist es, den Menschen zu helfen, dass sie ihre eigenen Ressourcen wieder entdecken. Das bedeutet, dass das Suchtverhalten in den Hintergrund tritt und unsere Klienten gleichzeitig immer mehr tun, was heilsam für ihr Leben ist.

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Gesellschaft?
Werner Jochum: Zwiespältig. Auf der einen Seite haben wir hohe materielle und soziale Standards, ein stabiles soziales Netz mit gemeinnützigen Institutionen, die Menschen beim Gelingen ihres Lebens unterstützen. Auf der anderen Seite leben wir in einer Angst- und Suchtgesellschaft, in der viele Menschen zu „funktionieren“ versuchen und daher mit den Anforderungen und dem Tempo nicht mehr mithalten können.

Kein Wunder also, dass „Burnout“ immer häufiger wird? Werner Jochum: In den letzten Monaten haben sich tatsächlich zahlreiche Menschen, darunter sehr viele Pädagogen und Menschen aus Führungspositionen gemeldet, die den Stress nicht mehr aushalten. Aktuelle Zahlen sprechen davon, dass 20 Prozent der Erwerbstätigen im Laufe ihres Berufslebens diesen Zustand der Erschöpfung und der Depression erleben werden. Das Burnout ist praktisch eine „Notbremse der Seele“ – Körper und Psyche sagen dem Betroffenen: Stopp! So kann es nicht weitergehen.

Was müssten wir besser machen, um gesund zu bleiben? Werner Jochum: Es geht darum, dass Menschen wieder mehr darauf achten, was ihre Sehnsüchte und Bedürfnisse sind, was sie wirklich glücklich macht und was in ihrem Leben zählt. Wir werden von Kindheit an eher dazu trainiert, außenorientiert zu leben und uns von anderen steuern zu lassen. Ein wesentliches Ziel scheint mir, uns wieder mehr auf uns selbst zu besinnen, mit uns selbst in Kontakt zu sein. Das gehört zur Sinnfrage jedes Menschen und wird wahrscheinlich immer mehr zu einer Überlebensfrage der Menschheit.

Eine Herausforderung für Ihre Patienten, aber auch für Sie als Therapeut?
Werner Jochum: Immer wieder die Verantwortung fürs eigene Leben zu übernehmen und zu lernen, der inneren Stimme zu vertrauen, war auch für mich ein wichtiger Prozess. Diese Aufgabe stellt sich uns allen und sie bleibt wahrscheinlich bis ins hohe Alter eine dauernde Herausforderung. Selbstbewusst kann ich nur sein, wenn ich in gutem Kontakt mit mir selbst bin. Und man kann anderen Menschen nur helfen, wenn man gut auf sich selbst achtet.

Zur Person
Werner Jochum Geboren: 15. Jänner 1960
Familienstand: verheiratet, 4 Kinder
Beruf: Psychotherapeut
Hobbys: Zeit mit meinen Enkeln, Natur, Lesen
E-Mail: werner.jochum@mariaebene.at